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Bayerisches Staatsministerium der Justiz

Justizvollzugsanstalt im Kloster Kaisheim, das im Jahr 1133 als Zisterzienser-Kloster gegründet wurde

Kriminologischer Dienst

Der kriminologische Dienst des bayerischen Justizvollzugs

Der Kriminologische Dienst des bayerischen Justizvollzugs wurde durch das Bayerische Staatsministerium der Justiz per Schreiben vom 10.08.2009 eingerichtet. In diesem Schreiben wird ausgeführt:

„Nach Art. 189 Abs. 1 BayStVollzG obliegt es dem Kriminologischen Dienst des bayerischen Justizvollzugs, in Zusammenarbeit mit den Einrichtungen der Forschung, den Vollzug, insbesondere die Behandlungsmethoden wissenschaftlich fortzuentwickeln und seine Ergebnisse für Zwecke der Strafrechtspflege nutzbar zu machen. Hierzu sollen praxisrelevante Fragen in engem Kontakt mit der Strafvollzugspraxis festgelegt und selbst erforscht (Eigenforschung), an Dritte vergeben (Auftragsforschung) sowie an die Wissenschaft herangetragen werden (Veranlassung von Fremdforschung).“

Der Kriminologische Dienst des bayerischen Justizvollzugs ist organisatorisch an die JVA Erlangen angegliedert. Personell umfasst er zwei Stellen für wissenschaftliches Personal und eine Verwaltungskraft.

Aufgaben und Projekte

Aktuelle Projekte des kriminologischen Dienstes des bayerischen Strafvollzugs

Sexualtäter-Erhebung

Seit 2004 wird in Bayern eine wissenschaftliche Begleitforschung durchgeführt für alle Sexualstraftäter, die aufgrund einer Straftat nach den §§ 174 bis 180 oder nach § 182 des Strafgesetzbuches zu einer zeitigen Freiheitsstrafe von mehr als zwei Jahren verurteilt worden waren (vgl. §9 StVollzG). Für alle Straftäter werden zum Zeitpunkt ihrer Entlassung durch die Fachdienste der jeweiligen Anstalt biographische, kriminologische, psychiatrische und psychologische Daten, Deliktmerkmale, Informationen zum Vollzugs- und Behandlungsverlauf und Merkmale des sozialen Empfangsraums erfasst (vgl. Endres & Bieneck, 2011). Bisherige Auswertungen beziehen sich auf die Determinanten der Therapieteilnahme und des Therapieabbruchs (Endres, 2014) sowie auf die Beschreibung derjenigen, die den Tatvorwurf bestreiten (Endres & Breuer, 2014b) . Derzeit werden die aktenkundigen Rückfalldaten für die Entlassungsjahrgänge 2004 bis 2008 ausgewertet.

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Evaluation des Jugendstrafvollzugs

Die Gefangenen, die die bayerischen Justizvollzugsanstalten zum Vollzug der Jugendstrafe durchlaufen, sollen hinsichtlich ihrer kriminalitätsrelevanten Behandlungsbedarfe beschrieben werden, um diese mit den verfügbaren Behandlungsangeboten abgleichen zu können. Dazu dokumentieren die Fachdienste die Behandlungsuntersuchung, die Teilnahme an Behandlungsmaßnahmen und weitere Daten des Haftverlaufs anhand standardisierter Erhebungsbögen. Die Behandlungsbedarfe zu Beginn der Haft werden anhand von 23 Merkmalen beurteilt, die sich u.a. auf ausbildungsbezogene Voraussetzungen, kriminalitätsrelevante Denkmuster, suchtbezogene und psychische Auffälligkeiten, Informationen zum sozialen Umgang und familiären Rückhalt, aber auch auf Lebensziele und Zukunftspläne beziehen. Der Erhebungsbogen wurde auf seine Beurteilerübereinstimmung hin überprüft (Endres, Breuer, Buch & Handtke, 2014) . Bezüglich des Behandlungsverlaufs werden u.a. auch die Gründe für eine vorzeitige Beendigung von Maßnahmen differenziert erfasst. Um die Wirksamkeit der angebotenen Maßnahmen zu überprüfen, sollen Indikatoren der Legalbewährung (Bundeszentralregisterauszüge) herangezogen werden.

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Evaluation des Personalauswahlverfahrens für den Allgemeinen Vollzugsdienst

Die Einstellung von AVD-Anwärtern erfolgt in Bayern über ein zentralisiertes, zweistufiges Auswahlverfahren. Zunächst bearbeiten die Bewerber Wissens- und kognitive Leistungsaufgaben und werden dann zu einem eintägigen Auswahlverfahren eingeladen, das neben psychologischen Leistungstests, eine Gruppendiskussion, eine Arbeitsprobe und ein teilstrukturiertes Interview umfasst. Auswahlkommissionen aus Vertretern vier verschiedener Berufsgruppen (AVD, Psychologe, Verwaltung, Jurist) entscheiden, ob ein Bewerber für eine Tätigkeit im AVD geeignet erscheint. Anhand erster Daten wurden die Urteilsprozesse der Kommissionsmitglieder und die Beurteilerübereinstimmung für die relevanten Anforderungen analysiert. Zudem wurde geprüft, welche Informationen bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt wurden und zwischen Bewerbern differenzierten, die als geeignet und ungeeignet eingeschätzt wurden. Darüber hinaus wurden in einer zweiten Datenerhebung Indikatoren der beruflichen Bewährung erhoben, um die Validität des eintägigen Auswahlverfahrens zu überprüfen.

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Evaluation eines Behandlungsprogramms für Gewaltstraftäter mit langen Freiheitsstrafen zu Beginn der Haft

Angegliedert an die sozialtherapeutische Abteilung für Gewaltstraftäter in der JVA München-Stadelheim wurde ein zusätzliches Behandlungsangebot für Gefangene eingerichtet, die wegen einer schweren Gewalttat zu einer langen (ab sieben Jahre) Freiheitsstrafe verurteilt worden sind. Das 12-monatige Behandlungsprogramm zielt auf eine erste Bearbeitung der Delikte, die psychische Stabilisierung und die konstruktive Planung der verbleibenden Haftzeit, einschließlich einer sozialtherapeutischen Behandlung in einer späteren Phase. Eine Längsschnittstudie mit Vergleichsgruppe soll die Erreichung der Behandlungsziele und das längerfristige Anhalten der therapeutischen Effekte überprüfen. Daher werden sämtliche Teilnehmer vor Beginn der Behandlung sowie eine Vergleichsgruppe durch den Kriminologischen Dienst anhand strukturierter Interviews und standardisierter Fragebögen befragt. Eine wiederholte Befragung aller Gefangenen ein Jahr und zwei Jahre nach Abschluss des Behandlungsprogramms soll klären, ob die Gewaltstraftäter von der Behandlung zu Beginn der Haft profitierten.

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Evaluation eines Pilotprojekts zur elektronischen Aufenthaltsüberwachung

Um sich mit der Technik vertraut zu machen und Erkenntnisse über Möglichkeiten und Grenzen der Anwendung im Strafvollzug zu gewinnen, wurde die elektronische Aufenthaltsüberwachung in Ebrach bei außenbeschäftigten Gefangenen erprobt, die freiwillig an dem Pilotprojekt teilnahmen. Die Anstalt dokumentierte ihre Erfahrungen bei der technischen Umsetzung. Darüber hinaus wurden im Auftrag des Kriminologischen Dienstes von Studierenden der Universität Bamberg Interviews mit den Gefangenen durchgeführt, die die Geräte testeten. Schließlich wurden anonymisierte Selbstauskünfte anhand eines kurzen Fragebogens erhoben. Die Ergebnisse wurden hinsichtlich technischer Aspekte, des Tragekomforts und psychologischer Aspekte bei der Kombination von Vollzugslockerungen mit elektronischer Aufenthaltsüberwachung ausgewertet. Die Vor- und Nachteile verschiedener Szenarien zum Einsatz innerhalb von Justizvollzugsanstalten wurden diskutiert (Breuer, Endres, Vornholt & Müller, 2012).

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Projekte unter Beteiligung des Kriminologischen Dienstes

KIM (Kurzintervention zur Motivationsförderung)

Die motivierende Gesprächsführung (Motivational Interviewing, Miller & Rollnick, 2002) ist darauf ausgerichtet, die Veränderungsbereitschaft zu fördern, indem dem Klienten mit einer wohlwollenden, respektvollen Grundhaltung begegnet wird, die sich in entsprechenden Gesprächstechniken widerspiegelt. Äußerungen, die eine intrinsische Veränderungsmotivation des Klienten erkennen lassen und seine Selbstwirksamkeitserwartung erhöhen, werden gezielt verstärkt. Im neuseeländischen Strafvollzug entwickelten und evaluierten Anstiss, Polaschek, und Wilson (2011) eine hierauf aufbauende Intervention („short motivational programme“, SMP). Dabei werden in vier Einzelgesprächen mit Straftätern sowohl die langfristig negativen Folgen eines kriminellen Lebensstils als auch die Vorteile einer Verhaltensänderung erarbeitet, um dadurch die Änderungsmotivation aufzudecken und zu fördern. Eine Arbeitsgruppe bestehend aus Fachdiensten verschiedener bayerischer Justizvollzugsanstalten erarbeitete und erprobte eine adaptierte Fassung („Kurzintervention zur Motivationsförderung“, KIM), die in verschiedenen vollzuglichen Bereichen, aber auch in der ambulanten Arbeit mit straffällig gewordenen Klientinnen und Klienten anwendbar sein soll. KIM soll therapeutische Behandlungsangebote vorbereiten, diese ergänzen, oder als eigenständige Maßnahme umgesetzt werden und sowohl Bedienstete des allgemeinen Vollzugsdienst als auch Fachdienste in ihrer Motivationsarbeit unterstützen. Das Manual für KIM liegt mit weiteren Materialien als Buch vor (Breuer, Gerber, Buchen-Adam & Endres, 2014) .

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Dokumentation von Entlassströmen

Für die Planung von Maßnahmen zum Übergangsmanagement kann es sinnvoll sein, Informationen zum Aufenthalt der aus dem bayerischen Strafvollzug entlassenen Personen zu erhalten. Der Kriminologische Dienst hat entsprechende Berichte für die Jahre 2011, 2012 und 2013 erstellt. Neben demographischen, ausbildungs- und berufsbezogenen Informationen wurden Sicherheitsvermerke wegen Betäubungsmitteln oder disziplinarischer Vergehen ausgewertet. Zudem wurden die Häufigkeit von Lockerungen, die Verteilung der im Jahr 2011 Entlassenen auf den Erst- bzw. Regelvollzug, ihre Inhaftierungsdauer, die Anzahl privater Besuche, Haftart, die Häufigkeit der Anordnung von Führungsaufsicht und der Aussetzung des Strafrests zur Bewährung ermittelt. Für regionale Analysen wurden die Angaben der Entlassenen zu ihrem Wohnsitz zum Zeitpunkt ihrer Inhaftierung und zum Zeitpunkt ihrer Entlassung abgeglichen. Als Schwerpunktthemen wurden im Jahr 2011 gesonderte Analysen für Sexualstraftäter, im Jahr 2012 für weibliche Gefangene und im Jahr 2013 für junge Gefangene durchgeführt.

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Konzeptentwicklung und Beratung

Der Kriminologische Dienst hat im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums der Justiz Behandlungskonzepte für den Vollzug der Sicherungsverwahrung (Endres & Breuer, 2011) sowie für den Jugendarrest neben Jugendstrafe zur Bewährung nach § 16a JGG (sog. „Warnschussarrest“; Endres & Breuer, 2014c) entwickelt. In unterschiedlichen Arbeitsgruppen (Übergangsmanagement, Sicherheit, Konsolidierung, Gesetzgebung bzgl. Sicherungsverwahrung und Jugendarrest) hat der Kriminologische Dienst mitgewirkt.

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Fachbeirat

Der Fachbeirat berät den Kriminologischen Dienst bei der Erfüllung seiner Aufgaben und in der Zusammenarbeit mit Einrichtungen des Justizvollzugs und externen Stellen. Mitglieder des Fachbeirats sind (in alphabetischer Reihenfolge):

  • Ltd. RegDir Hans-Michael Behnke (Leiter der Justizvollzugsanstalt Erlangen)
  • Prof. Dr. Rudolf Egg (Direktor der Kriminologischen Zentralstelle e.V. Wiesbaden)
  • Ministerialrat Carsten Haferbeck (Bayerisches Staatsministerium der Justiz)
  • Prof. Dr. Friedrich Lösel (Professor emeritus für Psychologie am Institut für Psychologie der Universität Erlangen-Nürnberg; ehem. Direktor des Institute of Criminology der University of Cambridge, UK)
  • Prof. Dr. Franz Streng (Professor emeritus für Strafrecht und Kriminologie am Institut für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie der Universität Erlangen-Nürnberg)
  • Ltd. RegDir Renate Schöfer-Sigl (Leiterin der Bayerischen Justizvollzugsakademie in Straubing)
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Publikationen

Breuer, M. M. (2014). Kurzintervention zur Motivationsförderung. Forum Strafvollzug, 63, 308-311.

Breuer, M. M., & Endres, J. (2013). Elektronische Aufenthaltsüberwachung: Zusammenfassung von Erkenntnissen aus einem bayerischen Pilotprojekt im offenen Vollzug. Newsletter der Führungsakademie des Bildungsinstitut des niedersächsischen Justizvollzuges, 18, S. 27-29.

Breuer, M. M., Endres, J., Vornholt, E., & Müller, C. (2013). Elektronische Aufenthaltsüberwachung: Erkenntnisse aus einem bayerischen Pilotprojekt im offenen Vollzug. Bewährungshilfe, 60, 146-158.

Breuer, M. M., Gerber, K., & Endres, J. (2012). Entwicklung einer Kurzintervention motivierender Gesprächsführung im bayerischen Strafvollzug. Bewährungshilfe,
59 , 359-369.

Breuer, M. M., Gerber, K., Buchen-Adam, N. & Endres, J. (Hrsg.) (2014). Kurzintervention zur Motivationsförderung: Ein Manual für die Arbeit mit straffällig gewordenen Klientinnen und Klienten. Lengerich: Pabst Publishers.

Breuer, M. M., & Pecher, W. (in press). Listener. In K. Bennefeld-Kersten, J. Lohner & W. Pecher (Hrsg.). Frei Tod? Selbst Mord? Bilanz Suizid? Wenn Gefangene sich das Leben nehmen. Einschätzung und Prävention. Lengerich: Pabst Publishers.

Breuer, M. M. & Sporer, S. L. (in press). Rechtspsychologie. In A. Schütz, H. Selg, & S. Lautenbacher (Hrsg.), Psychologie. Eine Einführung in ihre Grundlagen und Anwendungsfelder. Stuttgart: Kohlhammer.

Endres, J. (2014). Determinanten der Behandlungsteilnahme und des Behandlungsabbruchs. Forum Strafvollzug, 63, 237-243.

Endres, J., & Bieneck, S. (2011). BSDSB: Eine Basisdokumentation für die sozialtherapeutischen Einrichtungen im bayerischen Strafvollzug. Forum Strafvollzug, 60 , 244-248.

Endres, J., & Breuer, M. M. (2011). Sicherungsverwahrung: Das Behandlungskonzept des bayerischen Justizvollzugs, Forum Strafvollzug, 60, 285-296.

Endres, J., & Breuer, M. M. (2014a). Gewaltdelinquenz und Affekttaten. In T. Bliesener, F. Lösel, & G. Köhnken (Hrsg.) Lehrbuch Rechtspsychologie (S. 87-105). Bern: Hans Huber.

Endres, J. & Breuer, M. M. (2014b). Leugnen bei inhaftierten Straftätern. Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie, 8, 263-278.

Endres, J. & Breuer, M. M. (2014c). Warnschuss oder Wegweiser? Konzeptionelle Überlegungen zur Ausgestaltung des Jugendarrests nach § 16a JGG. Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe, 25, 127-136.

Endres, J., Breuer, M. M., Buch, L., & Handtke, O. (2014). Der Behandlungsbedarf bei jungen Straftätern (BB-JuSt): Erste Erkenntnisse zur Reliabilität eines neuen Erhebungsinstruments für den Jugendstrafvollzug. Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie, 8, 116-127.

Endres, J., Schwanengel, F., & Behnke, M. (2012). Diagnostik und prognostische Beurteilung in der Sozialtherapie. In B. Wischka, W. Pecher & H. van den Boogart (Hrsg.), Behandlung von Straftätern: Sozialtherapie, Maßregelvollzug, Sicherungsverwahrung (S. 101–122). Pfaffenweiler: Centaurus.

Hare, R. D., & Neumann, C. S. (2012). Psychopathie als klinisches und empirisches Konstrukt (M. M. Breuer & J. Endres, Trans.; Original work published 2008). In B. Wischka, W. Pecher & H. van den Boogart (Hrsg.), Behandlung von Straftätern: Sozialtherapie, Maßregelvollzug, Sicherungsverwahrung (S. 123-161). Pfaffenweiler: Centaurus.

Service

Wenn Sie zur Bearbeitung einer wissenschaftlichen Fragestellung Daten
im bayerischen Strafvollzug erheben möchten, reichen Sie bitte einen
entsprechenden Antrag beim Kriminologischen Dienst des bayerischen
Justizvollzugs ein. Weitere
Informationen entnehmen Sie bitte unserem Informationsblatt für externe
Antragsteller. LINK INFOBLATT

Bedarfsweise werden Qualifizierungsarbeiten (Bachelor, Magister, Diplom)
an Studierende der Psychologie vergeben, wenn diese im engen
Zusammenhang mit den eigenen Forschungsprojekten stehen. Falls Sie
sich hierfür interessieren, senden Sie uns bitte Ihre Kurzbewerbung zu
(Anschreiben, Lebenslauf).

Kontakt:
Kriminologischer Dienst des bayerischen Justizvollzugs
c/o Justizvollzugsanstalt Erlangen
Schuhstr. 41
91052 Erlangen

Telefon: 09131 / 782-157
Telefax: 09131 / 782-175

E-Mail: kriminologischerdienst@jva-er.bayern.de

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