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Bayerisches Staatsministerium der Justiz

Justizpalast München, erbaut zwischen 1890 und 1897, Dienstgebäude des bayerischen Staatsministeriums der Justiz sowie des Landgerichts München I

Projekte

Viele Vorhaben im Geschäftsbereich des Bayerischen Justizministeriums werden im Rahmen von Projekten realisiert. Auf dieser Seite finden Sie Informationen zu wichtigen Projekten aus dem Bereich Justiz und Justizvollzug.

Geförderte Weiterbildung zur Psychosozialen Prozessbegleitung

Aufgrund des am 21. Dezember 2015 verabschiedeten
3. Opferrechtsreformgesetzes steht besonders schutzbedürftigen Opfern von schweren Gewalt- und Sexualstraftaten, insbesondere Kindern und Jugendlichen sowie Menschen mit Behinderung, mit Wirkung ab dem 1. Januar 2017 im Strafverfahren ein Anspruch auf gerichtliche Beiordnung eines kostenfreien, d. h. staatlich finanzierten psychosozialen Prozessbegleiters zu (§ 406g Abs. 3 StPO i. d. F. ab 1. Januar 2017).

Die Aufgabe des psychosozialen Prozessbegleiters besteht in der qualifizierten, "nichtrechtlichen" Information und Betreuung des Opferzeugen im gesamten Strafverfahren, insbesondere seiner Vorbereitung auf die Aussagesituation im Ermittlungsverfahren und in der Hauptverhandlung sowie seiner Begleitung zu Vernehmungen. Hierdurch sollen die Belastungen des Strafverfahrens für Verletzte gemindert und ihre Sekundärviktimisierung verhindert werden (§ 2 Abs. 1 PsychPbG).

Im Anschluss an die Ergebnisse einer durch die Justizministerkonferenz eingesetzten Bund-Länder-Arbeitsgruppe "Psychosoziale Prozessbegleitung" stellt die gesetzliche Neuregelung bestimmte Anforderungen an die fachliche Qualifikation beiordnungsfähiger psychosozialer Prozessbegleiter. Hierzu gehört neben einem Hochschulabschluss oder einer abgeschlossenen Berufsausbildung sowie Berufserfahrung in einem der Bereiche Sozialpädagogik, Soziale Arbeit, Pädagogik oder Psychologie der Abschluss einer anerkannten Weiterbildung zum psychosozialen Prozessbegleiter (§ 3 Abs. 2 S. 1 Nr. 2 PsychPbG).

Zur flächendeckenden Umsetzung dieser Regelungen in Bayern bietet das Bayerische Staatsministerium der Justiz in Kooperation mit dem Weiterbildungsanbieter Recht Würde Helfen - Institut für Opferschutz im Strafverfahren e.V. (RWH) eine staatlich geförderte Weiterbildung zur psychosozialen Prozessbegleitung an. Die Teilnehmenden sollen nach erfolgreichem Abschluss der Weiterbildung gemäß den Qualifikationsanforderungen des § 3 PsychPbG als psychosoziale Prozessbegleiter anerkannt und beigeordnet werden können.

Nähere Informationen zur Weiterbildung sind unserem Flyer zur entnehmen.

Weiterführende Links:

Projekt "Rechtsbildung für Flüchtlinge und Asylbewerber"

Am 9. Oktober 2015 hat der Ministerrat das Sonderprogramm zur Bewältigung der Flüchtlingskrise beschlossen. Die bayerische Justiz leistet mit dem Projekt "Rechtsbildung für Flüchtlinge und Asylbewerber" einen wichtigen Beitrag zu einer erfolgreichen Integration. Bayernweit engagieren sich 800 Richterinnen und Richter, Staatsanwältinnen und Staatsanwälte sowie Rechtspflegerinnen und Rechtspfleger an dem Projekt, indem sie sich als Lehrkräfte für Rechtsbildungsunterrichte zur Verfügung stellen.

Der Unterricht besteht aus insgesamt vier Modulen:

   • Grundlegende Prinzipien und Werte der deutschen Rechtsordnung
   • Grundprinzipien des deutschen Zivilrechts
   • Grundprinzipien des deutschen Familienrechts
   • Grundfragen des deutschen Strafrechts

Neben dem Unterricht wurden auf der Internetseite des Bayerischen Staatsministeriums der Justiz speziell für Flüchtlinge und Asylbewerber Informationsseiten eingerichtet. Auf diesen Unterseiten ist mehrsprachiges Informationsmaterial rund um die deutsche Rechtsordnung zusammengestellt. In 3-minütigen Filmen und Handouts werden die in Deutschland geltenden Grundwerte und die Grundprinzipien der deutschen Verfassung schnell und verständlich vermittelt.

Zur Informationsseite mit Informationsmaterial auf Deutsch, Englisch, Arabisch, Urdu, Paschtu und Dari


Europäischer Sozialfonds im bayerischen Justizvollzug

Im Förderzeitraum 2014 bis 2020 stehen dem bayerischen Justizvollzug Fördermittel der Europäischen Union aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) zur Verfügung. Diese Fördermittel sollen dazu genutzt werden, im Rahmen des Behandlungsauftrags nach Art. 2 des Bayerischen Strafvollzugsgesetzes (BayStVollzG) Strafgefangene zu befähigen, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen.

Von besonderer Bedeutung für den Resozialisierungserfolg ist dabei die Möglichkeit, Strafgefangene für die Zeit nach ihrer Haftentlassung gezielt in ihren Zugangsmöglichkeiten zum Arbeitsmarkt zu fördern. Eine im Jahr 2013 durchgeführte Erhebung hat ergeben, dass von den erwachsenen männlichen Strafgefangenen im bayerischen Justizvollzug insgesamt rund 29 % keine abgeschlossenen Schulbildung, knapp 48 % keine abgeschlossene Berufsausbildung und über 55 % keine Beschäftigung zum Zeitpunkt ihrer Inhaftierung aufgewiesen haben. Bei den männlichen Jugendstrafgefangenen verfügt sogar nicht einmal die Hälfte über eine abgeschlossene Schulausbildung, weniger als ein Fünftel über eine abgeschlossene Berufsausbildung und gut zwei Drittel war zum Zeitpunkt ihrer Inhaftierung beschäftigungslos.

An diesem Punkt soll der Einsatz  der Fördermittel aus dem Europäischen Sozialfonds ansetzen, um die Möglichkeit einer Vermittlung von Strafgefangenen nach der Haftentlassung in den Arbeitsmarkt zu verbessern. Dies dient insbesondere auch dem Schutz der Bevölkerung vor der Begehung weiterer Straftaten: Bei einem Gefangenen, der nach seiner Haftentlassung seinen Lebensunterhalt mit ehrlicher Arbeit verdient, ist das Risiko eines Rückfalls in alte Verhaltensmuster deutlich reduziert.

Europäischer Sozialfonds Förderzeitraum 2014 bis 2020; ESF in Bayern - Wir investieren in Menschen

Angesichts der Defizite in den Bereichen Schulbildung, Berufsausbildung
und Beschäftigung gerade bei den Jugendstrafgefangenen im bayerischen
Justizvollzug sollen die Fördermittel des Europäischen Sozialfonds zur
Förderung von Jugendstrafgefangenen eingesetzt werden, die insbesondere
Probleme bei der Eingliederung in den Arbeitsmarkt nach ihrer
Haftentlassung haben. Ziel des Mitteleinsatzes sind deshalb
Jugendstrafgefangene mit Migrationshintergrund, die außer mit den
dargestellten Defiziten bei der Arbeitsplatzsuche nach ihrer
Haftentlassung zusätzlich noch mit Sprachproblemen, einer oftmals
fehlenden kulturellen Integration und Erziehungsdefiziten umzugehen
haben. Deshalb bedarf gerade diese Gefangenengruppe im Interesse des
Schutzes der rechtstreuen Bevölkerung vor erneuten Straftaten einer
besonders intensiven Hilfe bei der Eingliederung in den Arbeitsmarkt.

In diesem Bereich soll deshalb ein Modellprojekt mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds initiiert werden.

Evaluation des Rechts- und Justizstandorts Bayern

Ein Projekt des Bayerischen Staatsministeriums der Justiz, der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft und der Rechtsanwaltskammern München und Bamberg

Die Evaluation umfasste 3 Säulen.

1. Säule

  • Analyse der Justizstatistiken

2. Säule

  • Vor-Ort-Befragungen von Bürgern und Rechtsanwälten
  • an 30 Gerichten und Staatsanwaltschaften

3. Säule

  • Erhebung eines repräsentativen Meinungsbildes bei
    • Bürgern
    • Rechtsanwälten
    • Unternehmen
  • durch das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln consult GmbH
Geschlechterspezifische Sichtweise

Geschlechterspezifische Sichtweise bedeutet

  • Tatsächliche Umsetzung der Chancengleichheit, die sich nicht beschränkt auf spezifische Fördermaßnahmen für Frauen zum Ausgleich von Diskriminierungen,
  • sondern beide Geschlechter in den Fokus nimmt
  • und von vornherein bei jeder fachlichen Entscheidung berücksichtigt wird.

In der bayerischen Justiz findet die geschlechterspezifische Sichtweise in allen Bereichen Beachtung:

Personal

  • Der Frauenanteil im Justizdienst steigt kontinuierlich:

    Während im Jahr 1994 nur 19,3 % der Richter und 34,1 % der Staatsanwälte weiblich waren, lag der Frauenanteil Ende 2013 bei 42,9 % (Richter) und 47,1% (Staatsanwälte). Im Rechtspflegerdienst beträgt der Frauenanteil nunmehr 62,2 % (1994: 38,5 %).
    Der Frauenanteil bei den Beschäftigten im Justizvollzug liegt bei 22,01% (Stand Ende 2014) und damit deutlich höher als der Anteil der weiblichen Gefangenen (7,06%).

  • Wir fördern die Wohnraum- und Telearbeit durch die Einrichtung vernetzter wohnraumbezogener Telearbeitsplätze. Damit wird Müttern und Vätern mit betreuungsbedürftigen Kindern die Teilnahme am Berufsleben erleichtert.
  • Stellen im Justizbereich sind grundsätzlich teilzeitfähig. Frauen werden besonders aufgefordert, sich zu bewerben.
  • Bei Beurteilungen wird darauf geachtet, dass weder Frauen noch Männer wegen ihres Geschlechts bevorzugt oder benachteiligt werden.

Wir erstellen in regelmäßigen Abständen (zuletzt 2013) Gleichstellungskonzepte für alle Bediensteten in der Justiz.

Gesetzgebung

Beim Abfassen von Rechts- und Verwaltungsvorschriften wird auf eine geschlechtersensible Sichtweise geachtet.

Strafvollzug

  • Die Behandlungsangebote im Strafvollzug wurden unter dem Gesichtspunkt der geschlechtersensiblen Sichtweise überprüft.
  • Bei baulichen Maßnahmen findet der Leitgedanke der geschlechterspezifischen Sichtweise Berücksichtigung.

Orden

Bei der Verleihung der Justizmedaille und der Unterbreitung sonstiger Auszeichnungsvorschläge wird besonders auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis geachtet.

Informationen zu aktuellen IuK-Projekten
Paralleljustiz

Was versteht man unter "Paralleljustiz"?

Beim Phänomen „Paralleljustiz" handelt es sich um eine Form der nicht tolerablen internen Konfliktlösung, die sich vor dem Staat versteckt, die Aufklärung von Straftaten behindert und das Wertesystem unseres Grundgesetzes nicht anerkennt, wie insbesondere die Gleichbehandlung von Mann und Frau. „Paralleljustiz" ist allerdings keine islamspezifische, sondern eine kulturspezifische Problematik.

Wie reagiert das Bayerische Staatsministerium der Justiz auf das Phänomen?

Bayern hat als erstes Land auf dieses Phänomen reagiert und bereits Ende 2011 einen Runden Tisch „Paralleljustiz" mit verschiedensten Experten eingerichtet. Die zusammen mit dem Runden Tisch erarbeiteten Maßnahmen fußen auf zwei Ansätzen:

  • Die bayerischen Richter und Staatsanwälte werden zum Thema „Paralleljustiz" v.a. über Fortbildungsveranstaltungen sensibilisiert. Zudem wurden Ansprechpartner für „Paralleljustiz" bei den Generalstaatsanwaltschaften eingerichtet.
  • Das Bayerische Staatsministerium der Justiz gibt eine mehrsprachige Broschüre mit dem Titel „So funktioniert die deutsche Rechtsordnung" heraus, die kostenlos verteilt wird. Hierdurch sollen Kenntnisse über unsere Rechtsordnung vermittelt, Hemmschwellen abgebaut und einer Flucht in Parallelstrukturen vorgebeugt werden.

Um die Entstehung und Ausbreitung einer rechtsstaatlich problematischen „Paralleljustiz" zu verhindern, bedarf es gemeinsamer Bemühungen über die Ländergrenzen hinweg. Auf Bayerns Initiative hin wurde deshalb auf der Konferenz der Justizministerinnen und Justizminister am 6. November 2014 eine länderoffene Arbeitsgruppe zur Verhinderung von rechtsstaatlich problematischer "Paralleljustiz" unter dem Vorsitz Bayerns eingerichtet. Die erste Sitzung der Arbeitsgruppe zur Verhinderung von "Paralleljustiz" fand am 31. März 2015 im Justizpalast in München statt.

Ein weiteres Mal traf sich die Arbeitsgruppe am 15. Oktober 2015 in München. Die Arbeitsgruppe hat unter anderem ein bundesweit einsetzbares Informationspapier für Richterinnen und Richter sowie Staatsanwältinnen und Staatsanwälte zum Erkennen von und für den Umgang mit „Paralleljustiz“ erstellt. Das Informationspapier soll der Sensibilisierung der Justizpraxis für den Umgang mit „Paralleljustiz“ dienen.

Strafrechtliche Unterbringung

Auf Einladung des Staatsministeriums der Justiz hat eine Arbeitsgruppe
aus Richtern, Staatsanwälten und Vertretern von Bezirkskrankenhäusern bayernweite Standards für die gutachterlichen Stellungnahmen erarbeitet,
die von der Justiz zur Vorbereitung der gerichtlichen Überprüfung von
strafrechtlichen Unterbringungen von den Bezirkskrankenhäusern
angefordert werden. Die „bayernweiten Standards“ sollen dabei
unterstützen, Qualitätsstandards zu sichern und  eine Hilfestellung für
die Beteiligten sein.

Die Stellungnahmen der Gutachter sind in der Regel - jedenfalls, wenn kein Gutachten eines externen Sachverständigen eingeholt wird - die einzige fachlich-psychiatrische Grundlage für die gerichtliche Entscheidung, ob eine Unterbringung verlängert wird oder nicht. Die erarbeitete Handreichung soll eine
Hilfestellung darstellen für

  • die Bezirkskrankenhäuser (für die Abfassung der Stellungnahmen: Welchen Inhalt müssen diese haben, damit sie für die Vollstreckungsgerichte als Grundlage ihrer Entscheidungen brauchbar sind?);
  • die Staatsanwaltschaft (für die Überprüfung, ob die Stellungnahmen taugliche Grundlage für ihre Antragstellung sind);
  • die Vollstreckungsgerichte (für die Überprüfung, ob die für Stellungnahme taugliche Grundlage für ihre Entscheidungen sind).
"Teen Court"-Projekte in Bayern

Schüler "urteilen" über Schüler - ein neuer Weg im Umgang mit Jugendkriminalität

In Anlehnung an US-amerikanische "Teen Courts" wurden in Aschaffenburg,
Ingolstadt, Ansbach, Memmingen, Augsburg, Landshut, Dillingen und Neu-Ulm Schülergremien eingerichtet, die sich im Auftrag der Staatsanwaltschaft mit Straftaten Jugendlicher befassen. Die Schüler sprechen mit dem jugendlichen Straftäter über dessen Tat, vereinbaren u. U. eine erzieherische Maßnahme und überwachen ggf. deren Erfüllung.
Das Ergebnis des "Verfahrens" vor dem "Schülergericht" wird anschließend
von der Staatsanwaltschaft bei ihrer abschließenden Entscheidung
berücksichtigt.

Worin liegt der Sinn der "Schülergerichte"?

Jugendlichen ist die Meinung Gleichaltriger oft besonders wichtig. Missbilligende Reaktionen von Altersgenossen erscheinen daher gut geeignet, jugendliche Täter vom Unrecht ihrer Straftat zu überzeugen und sie zum Umdenken zu bewegen. Auch finden Gleichaltrige oft leichter als Erwachsene Zugang zu jugendlichen Beschuldigten und können so Hintergründe und Motive einer Tat ergründen. 

Darüber hinaus können auch die mitwirkenden "Schülerrichter" wertvolle Erfahrungen sammeln: Bei der Vorbereitung auf ihre Tätigkeit und der praktischen Projektarbeit erfahren sie viel über die sozialen Verhältnisse und Probleme jugendlicher Straftäter, sie lernen wichtige Bereiche des Jugendstrafrechts aus eigener Anschauung kennen und übernehmen Verantwortung für junge Menschen und die Durchsetzung der Rechtsordnung.

Wer sind die "Schülerrichter"?

Die beteiligten Schülerinnen und Schüler gehören Gymnasien, Realschulen, Hauptschulen, Fachoberschulen und Berufsschulen an und sind zwischen 14 und 20 Jahre alt. Sie wirken freiwillig und unentgeltlich in ihrer Freizeit an dem Projekt mit. Die Auswahl unter den Interessenten wird i.d.R. von den beteiligten Schulen getroffen. Die Schülerinnen und Schüler wurden durch spezielle Schulungen auf ihre Tätigkeit vorbereitet.

Sind die "Schülerrichter" tatsächlich Richter?

Natürlich nicht! Die mitwirkenden Schüler habe keine richterlichen Kompetenzen.
Das heißt: Sie können kein Urteil verkünden, keine Jugendstrafe oder richterliche Sanktion festsetzen und keine Strafe vollstrecken.

Sie können aber eine "erzieherische Maßnahme" der "Wiedergutmachung" vorschlagen. Kommt der Beschuldigte dieser nach, wird dies von der Staatsanwaltschaft zu seinen Gunsten berücksichtigt. So kann der Staatsanwalt das Verfahren nach § 45 Absatz 2 Jugendgerichtsgesetz einstellen, wenn eine erzieherische Maßnahme durchgeführt oder eingeleitet ist und er weder eine Beteiligung des Richters noch die Erhebung der Anklage für erforderlich hält. Die Entscheidung des Schülergremiums und die Reaktion des Beschuldigten spielen daher für das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft eine zentrale Rolle.

Wichtig: 
Das strafrechtliche Ermittlungsverfahren bleibt stets in der Hand
der Staatsanwaltschaft. Nur diese kann entscheiden, ob von einer Strafverfolgung abgesehen wird oder nicht.

Welche Fälle kommen vor das Schülergremium?

Damit ein Fall vor dem Schülergremium "verhandelt" werden kann, müssen grundsätzlich folgende Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Der Täter ist meist im Alter von 14 bis 18 Jahren, höchstens jedoch 20 Jahre alt,
  • bei der Tat handelt es sich um einen Fall leichter bis mittelschwerer Kriminalität,
  • der Täter ist geständig und der Sachverhalt vollständig geklärt,
  • der Täter und ggf. seine Erziehungsberechtigten sind mit der Behandlung des Falles durch das "Schülergericht" einverstanden.

Wichtig: 
Die Mitwirkung des beschuldigten Jugendlichen ist stets freiwillig. Dies gilt auch für die Erfüllung vereinbarter Maßnahmen.

Zumeist trifft bereits die Polizei eine Vorauswahl der Fälle, die ihrer Einschätzung nach für das Verfahren in Betracht kommen. Sie klärt den jugendlichen Täter und die Erziehungsberechtigten über das Verfahren auf und holt deren schriftliches Einverständnis mit der Teilnahme ein. Die Staatsanwaltschaft entscheidet anschließend darüber, ob sie den Fall für geeignet hält. Ist dies der Fall, übermittelt sie dem "Schülergericht" die Informationen, die zur Durchführung des Gesprächstermins erforderlich sind.

Wie läuft das Verfahren vor dem Schülergremium ab?

Für jeden einzelnen Fall wird aus den am Projekt mitwirkenden Schülerinnen und Schülern ein Dreier-Team gebildet. Zunächst führt ein einzelnes Mitglied dieses Gremiums ein Vorgespräch mit dem jungen Beschuldigten. Dabei geht es in erster Linie darum, ihn über den Ablauf des Verfahrens, die Schweigepflicht des Gremiums und dessen Zusammensetzung zu informieren. Ferner wird er nochmals darauf hingewiesen, dass das Verfahren für ihn freiwillig ist.

Die eigentliche Gremiumssitzung findet an einem "runden Tisch" statt und dauert regelmäßig zwischen 30 und 90 Minuten. Das Gespräch dreht sich in der Regel vorrangig um die Motive und Folgen der Tat. Im Unterschied zum US-amerikanischen Vorbild wird auf einen förmlichen Gerichtscharakter der Sitzung bewusst verzichtet. So gibt es anders als in den USA auch keinen "Schüler-Staatsanwalt".

Das Ergebnis der Sitzung wird schriftlich festgehalten. Danach überwachen die Schüler, ob der Beschuldigte die vereinbarte Maßnahme auch erfüllt. Schließlich leiten sie den Vorgang an die Staatsanwaltschaft zurück.

Welche "Maßnahmen" kommen in Betracht?

Bei der Festsetzung der "erzieherischen Maßnahmen" gehen die Schülergremien sehr kreativ und individuell vor. Oft werden Reaktionen vereinbart, die einen engen Bezug zur Tat aufweisen. In Betracht kommen beispielsweise:

  • (tätige) Entschuldigung beim Geschädigten,
  • verschiedenste Formen der "Wiedergutmachung",
  • schriftliche Reflexion über das eigene Verhalten,
  • Teilnahme am Verkehrsunterricht,
  • gemeinnützige Arbeiten geringeren Umfangs sowie
  • kleinere Geldbeträge an gemeinnützige Einrichtungen.

Mitunter kann schon das Gespräch eine ausreichende erzieherische Wirkung haben, so dass weitere Maßnahmen entbehrlich sind.

Sind die Schüler völlig auf sich gestellt?

Nein. Jedes der Projekte wird durch Mitarbeiter von freien Trägern der Jugendhilfe sozialpädagogisch betreut. Diese bereiten die mitwirkenden Schüler durch spezielle Schulungen auf ihre Tätigkeit vor, unterstützen sie bei der Vorbereitung der einzelnen Gremiumssitzungen und koordinieren den Ablauf des Verfahrens. Bei den eigentlichen Sitzungen des Schülergremiums bleiben sie jedoch regelmäßig im Hintergrund.

Wo und seit wann gibt es die Projekte?

Durchgeführt werden die Projekte jeweils unter Federführung der zuständigen Staatsanwaltschaft

  • in Aschaffenburg seit November 2000 unter Mitwirkung des Vereins „Hilfe zur Selbsthilfe“,
  • in Ingolstadt seit Januar 2003 unter Mitwirkung des Vereins „Jugendhilfe Region 10“,
  • in Ansbach seit April 2003 unter Mitwirkung der "Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Kastanienhof",
  • in Memmingen seit März 2005 unter Mitwirkung des "SKM Katholischer Verein für soziale Dienste",
  • in Augsburg seit September 2008 unter Mitwirkung des Vereins "BRÜCKE e.V. Augsburg",
  • in Landshut seit Oktober 2010 unter Mitwirkung des "Katholischen Jugendsozialwerks München e.V.",
  • in Dillingen seit Januar 2013 unter Mitwirkung des Kreisjugendamts Dillingen,
  • in Neu-Ulm seit September 2013 unter Mitwirkung des "SKM Katholischer Verein für soziale Dienste".

In jedem der Projekte wird mit mehreren Schulen, in Aschaffenburg, Ansbach, Memmingen, Augsburg, Landshut, Dillingen und Neu-Ulm auch mit der örtlich zuständigen Polizei zusammengearbeitet.

Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen haben den Erfolg der Projekte bestätigt. Zwei Studien haben ergeben, dass in 96 bis 97 % der untersuchten Fälle das Verfahren erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Die Ergebnisse zweier Rückfallbetrachtungen haben ebenfalls eine positive Tendenz gezeigt.

Übergangsmanagement in den bayerischen Justizvollzugsanstalten

Ein wesentlicher Baustein einer gelungenen Resozialisierung

Übergangsmanagement meint die umfassende Vorbereitung der Entlassung der Gefangenen in der letzten Phase des Vollzugs. Es soll die Basis für einen bestmöglichen Übergang der Gefangenen von dem straff geregelten Alltag in der Justizvollzugsanstalt zu der komplexen Lebenssituation in Freiheit geschaffen werden.

Zum Übergangsmanagement gehört insbesondere die strukturierte Verknüpfung und Verzahnung von Behandlungsmaßnahmen des Vollzugs mit Hilfsangeboten der nach der Entlassung für die Gefangenen zuständigen Stellen. Den Gefangenen soll eine Brücke in einer Freiheit ohne Straftaten gebaut werden.

Um das Übergangsmanagement in Bayern fortzuentwickeln und zukünftig noch besser zu machen, hat das Bayerische Staatsministerium der Justiz eine interdisziplinär besetzte Arbeitsgruppe eingesetzt. Die
Empfehlungen der Arbeitsgruppe sind in dem Bericht "Optimierung des
Übergangsmanagements in den bayerischen Justizvollzugsanstalten"
zusammengefasst.

Erst konkrete Maßnahmen zur Verbesserung des Übergangsmanagements hat das Bayerische Staatsministerium der Justiz bereits im Oktober 2012 umgesetzt. Mit der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit wurde eine noch engere Zusammenarbeit vereinbart, um die Strafentlassenen nach der Haft möglichst schnell und passgenau in Ausbildung oder Arbeit vermitteln zu können.