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Portal > Gerichte > OLG > Nürnberg > Historie des Gebäudes - Letzte Änderung: 31.01.2008


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6. - Seiteninhalt

Die Geschichte des Nürnberger Justizpalastes

Manuskript einer Rede des damaligen Präsidenten des Oberlandesgerichts Nürnberg
Dr. Maximilian N ü c h t e r l e i n (1913-1990)
am 2. Mai 1977 anlässlich des Abschlusses des Wiedereinzugs der Justiz
in das Justizgebäude Fürther Straße

1.

Als am 1. Juli 1909 das Baubüro für das Justizgebäude an der Fürther Straße 110 errichtet wurde, war dies das Ende langwieriger Verhandlungen und der Anfang für einen Bau, der in der damaligen Zeit für die Stadt Nürnberg beispielhaft war. Lange Jahre war über die unzureichende Unterbringung der Nürnberger Justizbehörden geklagt worden. Sie waren verteilt auf Gebäude in der Augustinerstraße, der Weintraubengasse und in der Karl-Straße im Gebäude des ehemaligen Gasthauses "Bayerischer Hof". Dieses war nach Zeitungsberichten - so wörtlich - "ein alter Rumpelkasten, den man ohne Übertreibung als Spelunke bezeichnen könnte". Die Presse hatte sich der Dinge angenommen. Am 11. Dezember 1906 berichtete der Fränkische Kurier über eine Sitzung des Schöffengerichts im ehemaligen "Bayerischen Hof":
"Die Sitzung wurde Punkt 1/2 9 Uhr eröffnet und der Vorsitzende gab folgenden wörtlichen Beschluß kund:
"Dem Gerichte, den Geladenen und übrigen anwesenden Personen kann nicht zugemutet werden, in diesem von giftigen Gasen, Rauch und Ruß geschwängerten Saale die für diese Stunde anberaumte Schöffengerichtssitzung abzuhalten. Es hat deshalb das Gericht beschlossen, die Sitzung bis 1/2 10 Uhr zu vertagen in der Erwartung, daß bis dahin der Saal durch Öffnen sämtlicher Türen und Fenster so durchlüftet ist, daß der gesundheitsschädliche Qualm verschwunden sein wird".
Die Schuld an der Luftverpestung wird einem alten eisernen, anscheinend aus dem 18. Jahrhundert stammenden und, nach seinem Äußeren zu urteilen, bei einem Alteisenhändler erstandenen Ofen zugeschrieben, der nach Aussage des Hausmeisters jeder Funktionstätigkeit abhold ist."
Die Anwaltschaft beklagte sich darüber, daß es ihr unmöglich sei, die auf verschiedene Gebäude verteilten Termine gleichzeitig wahrzunehmen. In einer Denkschrift des Nürnberger Anwaltvereins vom 11. November 1907 wurde gebeten, alle Sitzungssäle des Land- und Amtsgerichts in dem Justizgebäude an der Augustinerstraße zu vereinen.
Schon ein Jahr vorher, nämlich am 8. Januar 1906, war in einer Denkschrift darauf hingewiesen worden, daß angesichts der vorhandenen Mißstände im Finanzausschuß der Abgeordnetenkammer der Neubau eines Justizgebäudes ins Auge gefaßt worden sei. Dabei standen mehrere Pläne zur Debatte.
Zunächst wurde der Platz der Deutschhauskaserne als der geeignetste Platz bezeichnet. Außerdem wurde erwogen, ob der neue Justizpalast nicht auf dem Gelände des ehemaligen Bayerischen Hofes in der Karl-Straße unter Einbeziehung von Augustiner- und Winklerstraße errichtet werden könnte. Vorgeschlagen wurde auch, das Justizgebäude am linken Ufer der Pegnitz gegenüber der Hallerwiese zu bauen. Das Hochwasser im Februar 1909 brachte den endgültigen Beweis, daß es für Zwecke eines Justizgebäudes schlecht geeignet sei. Die Staatsregierung neigte schließlich dazu, das Gelände des Tuchergartens zu verwenden. Dadurch wäre aber ein Mehraufwand von 500 000 Mark entstanden. Die Justizverwaltung liebäugelte mit einem Bauplatz in der Johannisvorstadt. Besonders empfohlen wurde auch das Prinzregentenufer, das damals dem Freiherrn von Cramer-Klett gehörte. Dessen Bevollmächtigter, Direktor Baumer, bot das Gelände am 8. Januar 1906 dem Bayerischen Staatsministerium zum Kauf an. Dabei schilderte er die Vorzüge den Geländes am Prinzregentenufer. Er setzte sich gleichzeitig auch mit dem Bau eines Justizgebäudes an der Fürther Straße auseinander. Aus seinem Schreiben vom 8. Januar 1906 sind folgende Sätze von Interesse:
"Unkontrollierbare Gerüchte wollen davon wissen, daß die Errichtung eines gemeinsamen Zentraljustizgebäudes für die Städte Nürnberg und Fürth auf einen erst auszukundschaftenden Gelände zwischen den beiden genannten Städten geplant sei. Ein solches Justizgebäude läge aber weder in Fürth noch in Nürnberg und zumal für das Gros der Nürnberger Bevölkerung viel zu exponiert. Der oft ins Treffen geführte und schon für nahe Zukunft vorausgesehene Zusammenschluß von Fürth und Nürnberg an der Fürther Straße wird nun nach neuerer Sachlage nicht nur nicht in Bälde zu erwarten sein, er wird vielmehr ein fast unüberwindliches Hemmnis finden in der Führung der Umgehungsbahn Nordbahnhof-Doos, welche mit ihrem stellenweise 4 bis 5 m hohen, die Fürther Straße bei Muggenhof überschreitenden Damme die beiden Schwesterstädte mehr trennen, den Zusammenschluß mehr hindern wird als irgendwelche örtliche oder administrative Maßnahme.
Aber auch außerdem erscheint für beregten Zweck die Lage eines Platzes zwischen Nürnberg und Fürth als die denkbar ungünstigste. Ein Blick auf den Stadtplan läßt das ganze hier in Frage kommende Gelände als ein zwischen den Wasserstraßen des Donau-Main-Kanals und der Pegnitz eingeengtes Terrain erscheinen, das parallel den genannten Wasserläufen durch die Staatsbahn, die Ludwigsbahn, die Fürther Straße und einige weitere Straßenzüge in schmale Längsstreifen unterteilt wird, das also keine groß angelegte Bebauung zuläßt, schon auch um deswillen nicht, weil es durch Kasernen, Gefängnisbauten und industrielle Etablissements über Gebühr okkupiert ist, das aber auch die zweifellos ungünstigsten Verkehrsverhältnisse und für die Bevölkerung Nürnbergs und Fürth, für Justizbeamte und Anwälte unerträglich große Entfernungen von den Hauptwohnsitzen derselben aufweist und damit fortwährend einen enormen Verlust an Zeit und wirtschaftlicher Arbeit für die Gesamtbevölkerung Nürnbergs bedeuten würde."
Schließlich brachte die Regierung den Plan ein, das Justizgebäude in Verbindung mit dem schon bestehenden Zellengefängnis an der Fürther Straße zu errichten. Alle Instanzen stimmten diesem Vorschlag zu, obwohl - wie wir aus einem Artikel des "Fränkischen Kuriers" vom 23. August 1916 entnehmen können - "wegen der weiten Entfernung des Platzes vom Zentrum der Stadt in weiten Kreisen des Publikums keine Sympathie für dieses Projekt bestand".
Der seinerzeitige Prinz Ludwig, später König Ludwig III., hat nach dem gleichen Bericht des "Fränkischen Kuriers" in der Reichsratskammer am 9. Januar 1908 die Ansicht vertreten, daß die Ausführung den Zellengefängnisprojektes den Interessen der Stadt Nürnberg förderlich wäre. Er sprach sich dafür aus, daß sich, für die damalige Zeit ein höchst moderner Gedanke, die territorial nahe beeinanderliegenden Städte auch hinsichtlich ihrer Verwaltung vereinigen sollten. Dadurch werde die Rivalität unter ihnen vermieden, die eine Stadt könne die Vorteile der anderen genießen. Da das Zellengefängnis an der Peripherie sowohl von Nürnberg als auch von Fürth liege, werde das dort zu erbauende Zentraljustizgebäude das beste Bindemittel zur Vereinigung dieser beiden Städte bilden.
Man rechnete damals auch damit, daß mit der zunehmenden Entwicklung der Städte Nürnberg und Fürth die Umgebung des Justizpalastes den Mittelpunkt zwischen den beiden Städten bilden und daß in der Umgebung des neuen Justizgebäudes ein neues Stadtviertel entstehen werde.
Für das Grundstück an der Fürther Straße sprach auch die unmittelbare Nähe zum Zellengefängnis. Der Streit um den richtigen Bauplatz bewegte die Gemüter heftig. Zur Beschleunigung der Baupläne mag beigetragen haben, daß das Justizgebäude an der Augustinerstraße und an der Karl-Straße durch das Hochwasser des Jahres 1909 in Mitleidenschaft gezogen wurde, so daß den Inhabern der dortigen Wohnungen Schadensersatz für Beschädigungen an Hausrat und Kleidung gezahlt werden mußte.
Ehe man an den Neubau ging, stellte man auch Überlegungen über die künftige Entwicklung der Nürnberger Bevölkerung und das Wachstum der Gerichte an. Der Weitblick von damals mag uns überraschen. In einem Bericht des Amtsgerichts Nürnberg vom 3. Juni 1905 wurde die Zahl der am Amtsgericht Nürnberg damals tätigen Richter mit 29 und die Zahl der im Jahr 1935 benötigten Richter mit 55 angegeben. Wenn wir bedenken, daß im Jahr 1977 für das Amtsgericht Nürnberg genau dieselbe Zahl von Richtern vorgesehen ist (Anmerkung: Anfang 1998 waren beim Amtsgericht Nürnberg 68 Richter tätig), können wir die seinerzeitigen Voraussagen nur bewundern.

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2.

Die Baubücher aus der Zeit des Neubaues sind uns noch völlig erhalten. Aus ihnen ist zu entnehmen, daß nach der Einrichtung des Baubüros am 1. Juli 1909 und den damit zusammenhängenden Arbeiten am 2. September 1909 der erste Spatenstich getan wurde und daß am 16. September 1909 die Grundsteinlegung erfolgte. Die Arbeiten gingen vor Beginn das Winters mit großem Aufwand voran. 150 Erd- und Bauhilfsarbeiter, 50 Maurer und 25 Steinmetzen waren in der dritten Oktoberwoche 1909 tätig. Regen, herrliches Wetter, heftige Gewitter und schließlich der erste Schnee am 21. November 1909 begleiteten den Baubeginn.
Die Löhne in den Jahren 1910 bis 1912 wiesen, ebenso wie heute (Anmerkung: Gemeint ist die Zeit um 1977), eine leicht steigende Tendenz auf. Als Beispiel mag dienen, daß im Jahr 1910 ein Maurer in der Stunde 76 Pfg., im Jahr 1912 aber bereits 80 Pfg. verdiente. Die wirtschaftlichen Verhältnisse waren, obwohl der Krieg noch in weiter Ferne lag, ungünstig. Die Firmen bewarben sich intensiv um Aufträge. Aus dem Schreiben einer Firma vom 6. August 1910 entnehmen wir:
"Wir sind über das Ergebnis der Submission ganz außerordentlich deprimiert, denn auf der einen Seite brauchen wir dringend wegen der schlechten Lage des Baugeschäfts in Norddeutschland eine Winterarbeit für unseren hiesigen Betrieb und es wäre außerordentlich bedauerlich, wenn von Seiten des Bayerischen Staates einem Unternehmen wie unserem nicht die notwendige Unterstützung in dieser Richtung zuteil werden könnte."
Im Juni 1912 kam es zu einem Streit. Die Baufirma trug sich mit dem Gedanken, die überflüssig werdenden Arbeiter zu entlassen.
Der Inhaber der Firma schrieb am 18. Juni 1912:
"Die ursprüngliche Absicht, sämtliche überflüssig werdenden Arbeiter am Samstag, den 1. Juni, zu entlassen, wie es mein finanzielles Interesse erforderte, gab ich auf, weil eine solche Massenentlassung den Arbeitsmarkt erheblich ungünstig beeinflußt und den Arbeitern zur Zeit eine längere Arbeitslosigkeit mit sich gebracht hätte. Ich ordnete deshalb an, daß die Entlassung auf 3 Samstage verteilt werden sollte und ließ, da inzwischen die Massivdecken über Keller vollendet waren, mit den Arbeiten des Erdgeschosses beginnen, trotzdem noch keine Kranen und Aufzüge in genügender Zahl aufgestellt waren und dadurch die Arbeitsleistungen verteuert wurden. Eines Tages, am 6. Juni 1912, weigerten sich die Taglöhner, die bis dahin (seit Mitte April) 8 Backsteine trugen, die gleiche Zahl weiterzutragen, weil diese Leistung eine zu beschwerliche sei. Sie teilten meinem Bauführer den von ihnen gefaßten Beschluß, nurmehr noch 7 Backsteine tragen zu wollen, mit, worauf dieser erwiderte: "Sie haben über unseren Kopf weg nichts zu beschließen, wer keine 8 Steine mehr tragen will, kann gehen."
Im Verlauf der weiteren Verhandlungen kam es zum Streik, an allen Eingängen wurden Streikposten aufgestellt. Der Zentralverband der Steinarbeiter Deutschlands schaltete sich ein, weil nicht nur Taglöhner, sondern auch Steinhauer, die mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun hatten, entlassen wurden.
Manche Begebenheiten hatten sich während des Baues ereignet. Das Umfallen eines Kranes an der Baustelle bewegte die Nürnberger Presse. Die Bauarbeiter beschwerten sich darüber, daß die auf der Baustelle eingerichtete Kantine eine unzulängliche Verköstigung biete, offenbar deshalb, weil der Pächter an den Wirt 3 Mark pro Hektoliter abzuführen habe. Trotz dieser und ähnlicher Vorkommnisse ging der Bau rüstig voran. Der Ausbruch des Weltkrieges brachte eine Verzögerung, so daß der ursprünglich vorgesehene Termin des Jahres 1915 nicht eingehalten werden konnte. Im Jahr 1915 bat das Garnisonskommando, ihm die Kuppel des Gebäudes an der Fürther Straße zwecks Aufstellen von Maschinengewehren mit Mannschaften zur Abwehr von Luftangriffen zu überweisen.

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3.

Im Laufe der Monate August und September 1916 zogen die Justizbehörden in das neue Justizgebäude ein. 196 bis 200 Wagenladungen waren nötig. Der 100. Wagen, der am 25. August 1916 verkehrte, war mit Kränzen und einer Aufschrift geschmückt. Der holpernde Reim lautete:
"Das alt´ Gebäude war schon lang Justitia zu klein,
drum ziehet sie nach altem Brauch jetzt in ein neues ein".
Die Freude über den Bezug des neuen Gebäudes kam am besten dadurch zum Ausdruck, daß die Handelsrichter des Landgerichts Nürnberg-Fürth ein Bild zur Ausschmückung des Handelsrichterzimmers stiften wollten. Der Präsident des Landgerichts wurde ermächtigt, einen Wettbewerb auszuschreiben. Das Stiftungskapital wurde in Form von Reichsschatzanweisungen und Reichsschatzwechseln im Betrag von insgesamt 15.000 Mark angelegt. Leider hat die Inflation den damaligen Plan zunichte gemacht.
Die Einweihung des Gebäudes fand dann mitten im Kriege am 11. September 1916 statt. Seinerzeit wurde besonders des Planers, des Ministerialrats von Höfl, gedacht; dieser war kurz nach Beginn des Baues im Dezember 1910 gestorben. Sein Werk wurde von dem Regierungs- und Baurat Blumentritt in München und von dem Regierungs- und Bauamtsassessor Dünnbier weitergeführt. Die Baukosten beliefen sich insgesamt auf 7.137.923 Mark.
Die Presseberichte über die Einweihungsfeier am 11. September 1916 sind uns noch vollständig erhalten. Ein minutiöses Programm wurde ausgearbeitet. Der Aufzug, den der König bei der Eröffnungsfeier benützen sollte, wurde mehrfach überprüft. Fanfarenbläser kündigten um 10 Uhr 6 Minuten sein Eintreffen an.
Aus dem Buch von Peter Luginsland "Das war´n halt noch Zeiten!" entnehmen wir folgende Schilderung:
"Als die Nürnberger Justizbehörden ihr neues, schönen Haus einweihten, kam sogar König Ludwig Ill. höchstpersönlich nach Nürnberg und wurde bei seinem Rundgang durch das Gebäude jeweils durch Trompeter des 1. Chevauleger-Regiments in Galauniform mit Fanfarenklängen den harrenden Beamten avisiert. Man hatte sie - getreu den Grundsätzen der damaligen Zeit - in untere, mittlere und höhere Kategorien eingeteilt und streng getrennt in einzelnen Sitzungssälen zusammengepfercht.
Da passierte auch eine äußerst ulkige Sache: Der ziemlich nervöse Amtsgerichtsdirektor B. wollte durch Patrouillengänge ständig gut informiert sein und wandelte aufgeregt in den Gängen auf und ab, um seine Untergebenen rechtzeitig auf das Eintreffen Seiner Majestät vorzubereiten. So erschien er wieder einmal im Saale der mittleren Beamten und teilte den harrenden Herren aufgeregt mit, daß seine Majestät jeden Moment eintreffen könne. Zylinderschwingend verließ der Herr Amtsgerichtsdirektor den Sitzungssaal, und zwar so, daß er den Saal noch gut übersehen konnte. In diesem Augenblick tat sich die Türe auf und der König stieß mit dem Heck des Herrn Direktors zusammen, worüber der Herr Direktor zu Tode erschrak, während bei den Beamten eine stille, unausrottbare Heiterkeit entstand.
Das Opfer jenes Umzugs nach der Fürther Straße wurde ein braver Gerichtsexpeditor, der sich stets ganz besonderer Gesetzeskenntnisse rühmte. Während der brave Expeditor noch im "Bayerischen Hof" saß und sozusagen die letzte Position verteidigen mußte, rief alle halbe Stunde ein renitenter Mann an, der Revision zum Obersten Landesgericht einlegen wollte und behauptete, daß er das auch telephonisch machen könne, weil die Revisionsfrist um 18 Uhr ablaufe. Der Expeditor beschwor laufend seine Kollegen in der Fürther Straße, ihm doch juristisch zur Seite stehen zu wollen, damit ihm nichts passieren könne, hatte aber keine Ahnung, daß es die gleichen Kollegen waren, die den wilden Mann am Telephon spielten.
Nach der Einweihung bestieg der hohe Gast die offene Hofkalesche im Hof des Schwurgerichtsgebäudes, und es war ein seltsamer Anblick für alle Zuschauer, als der damalige Justizminister Thelemann in voller Galauniform neben der Hofkutsche ein gutes Stück die Bärenschanzstraße entlang lief, wobei er in den Ruf ausbrach: "Seine Majestät, König Ludwig, lebe hoch!"
Das Echo bei den im Reservelazarett Justizgebäude untergebrachten Verwundeten und sonstigen Zuschauern war aber angesichts des Hungerjahres 1916 nicht groß, denn damals konnte man sich markenfrei nur mit Dorschenkuchen aus Schwarzbrotteig ernähren, ganz abgesehen von anderen lukullischen Genüssen..."
Die offizielle Feier fand im sogenannten Königssaal statt. Dank der Presseberichte sind uns die Ansprachen des seinerzeitigen Justizministers Dr. von Thelemann und Königs Ludwig III. noch wörtlich erhalten.
Justizminister Dr. von Thelemann schloß seine Rede mit folgenden Sätzen:
"Möge der stolze Bau recht lange in den auch wiederkehrenden friedlichen Zeiten seinen Zweck erfüllen. Möge er noch den kommenden Geschlechtern eine Erinnerungsmarke bleiben an die schwere und große Zeit, in der er vollendet wurde, eine Erinnerung daran, daß, wenn auch die schwersten Stürme uns umtobten, wenn auch eine ganze Welt gegen uns in Waffen stand, doch bei uns die Werke des Friedens nicht ruhten und vor allem die Justiz als unerschütterliches Fundament des Staates in höchsten Ehren gehalten wurde. Möge der Segen Gottes über dem Gebäude walten, möge das Licht der Weisheit und der Wahrheit nie in ihm erlöschen, Unrecht und Lüge keinen Eingang finden."
Anschließend an den Rundgang durch das Gebäude wurden die Gäste durch die Stadt Nürnberg zu einem Imbiß im Rathaus eingeladen. Die Presse berichtete damals:
"Es ging ohne die sonst unvermeidlich gewesene äußerliche Prachtentfaltung und es ging auch ohne das übliche Festmahl. An dessen Stelle trat ein Imbiß, der in seiner Art von einer geradezu spartanischen Einfachheit war. Stehenden Fußes nahm man ein paar talergroße dünne Brotschnittchen mit fleischlosem Belag zu sich und trank ein Glas Bier dazu, so ungefähr, wie man im Automat rasch eine kleine Stärkung nimmt. Aber gerade in dieser Einfachheit, der der König sich ebenso unterwarf wie alle anwesenden Vertreter aller Schichten der Bürgerschaft, war das charakteristischste Moment des Tages zu erblicken. Der Krieg drückt auf all unser Tun und Lassen, aber er drückt uns nicht nieder."

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4.

Zum Schicksal des neuen Justizgebäudes gehörte es, daß von Anfang an Teile des Gebäudes Justizzwecken entfremdet waren. Schon während der Bauarbeiten waren Räume für ein provisorisches Bekleidungsdepot in Beschlag genommen. Der Westbau des Justizgebäudes wurde ab September 1914 als Lazarett verwendet. Manche Klage wurde in diesem Zusammenhang vorgebracht. Trotz aller Vorschriften und wiederholt ausgesprochener Strafen wurden die Fenster dauernd von Mannschaften und außenstehenden Leuten belagert. Trotz Verbot wurden Bier, Speisen usw. auf diese Weise in das Lazarett gereicht. Beim Öffnen der teilweise stark klemmenden Fenster sei - so war zu lesen - schon eine Menge von Scheiben zerbrochen. Geöffnet könne man aber die Fenster auch nicht lassen, da Ungeziefer und Katzen schon wiederholt hereingekommen und über die Eßbestände gegangen seien. Schließlich seien am Abend des 7. Januar 1915 Kinder in die Liebesgabenkammer eingedrungen und hätten größere Bestände an Eß- und Trinkmaterialien gestohlen.
Zwei Sitzungssäle standen zur Abhaltung von Gottesdiensten zur Verfügung. Das Lazarett wurde am 30. September 1919 aufgelöst und in ein sogenanntes Privatlazarett umgewandelt, das erst im Jahr 1922 aufgelöst wurde. Nicht weniger als 400 Kranke waren im Jahr 1919 im Lazarett untergebracht ...
Nachdem die Räume des Westbaues 1922 der Justizverwaltung zurückgegeben waren, konnte das Amtsgericht mit der freiwilligen Gerichtsbarkeit und dem Jugendgericht in den Westbau wieder einziehen ... In den Jahren unmittelbar nach dem Krieg waren in einigen Räumen des Justizgebäudes untergebracht die Zweigstelle des Bayerischen Kriegswucheramtes, die Armeebauleitung, die Abwicklungsstelle der Militärbauleitung und die Demobilmachungsstelle. Nach Auflösung des Lazaretts wurde daran gedacht, ob der Westbau nicht einem Gymnasium zur Verfügung zu stellen sei. Genau wie in den späteren Jahren mußte die Justiz darum kämpfen, daß ihr Nutzungsrecht am Gebäude erhalten bleibt. Der Präsident des Oberlandesgerichts schrieb schon im Jahr 1920:
"Ich kann mich nämlich des Eindrucks nicht erwehren, als habe sich durch die langjährige Überlassung des Gebäudes zu Lazarettzwecken bei manchen Stellen die eigentlich selbstverständliche Auffassung von der Verfügungsberechtigung der Justizverwaltung etwas verschoben. Auf alle Fälle empfiehlt es sich, mit allem Nachdruck darauf hinzuweisen, daß die Justizverwaltung über kurz oder lang, es sei nur an die Aufhebung des Landgerichts Fürth gedacht, das Gebäude zu eigenen Zwecken wieder benötigen wird, und daß dann unter allen Umständen das Gebäude geräumt werden muß."
Dieser Wunsch ging nur teilweise in Erfüllung. 1921 wurden Mietverträge mit dem sogenannten Schlichtungsausschuß und in späteren Jahren mit der Deutschen Arbeitsfront über die Überlassung von Räumen abgeschlossen.
Die Jahre nach dem Weltkrieg waren unruhig und entbehrungsreich. Im November 1919 überlegte man sich, ob die ungeteilte Arbeitszeit einzuführen sei. Die Gegner der ungeteilten Arbeitszeit führten aus, bei der jetzigen Ernährung könne ohne Schädigung der Gesundheit und der Arbeitsfähigkeit nicht durchgearbeitet werden. Das Frühstück sei so wenig nahrhaft und ausgiebig, daß es bis zu der zwischen 4.00 und 5.00 Uhr einzunehmenden Hauptmahlzeit nicht nachhalten könne. Der Genuß einer Tasse Kaffee oder Tee oder eines Tellers Suppe genüge zur Stillung des gegen Mittag einsetzenden Hungers nicht. Suppe, Gemüse und Kartoffel in der Kosthalle - gemeint ist der damalige Imbißraum im Justizgebäude - zu kaufen, sei für die meisten zu teuer.
Am 15. März 1920 wurde in Nürnberg der Generalstreik verkündet. Vor der Kanzlei eines Nürnberger Rechtsanwalts versammelte sich eine größere Menschenmenge, die forderte, daß die Kanzlei die Arbeit einstelle, auch die Gerichte müßten um 10 Uhr schließen. Ein Schutzmann meldete, daß sich vom Spittlertor her eine Menschenmenge gegen die Fürther Straße zu bewege mit dem Ruf, daß das Amtsgericht gestürmt werde und die Untersuchungsgefangenen befreit werden würden. Allerdings hat dann die angekündigte Demonstration nicht stattgefunden.
Auch Einbrüche in den Asservatenraum und in den Untergeschoß des Schwurgerichtsbaues blieben in der damaligen Zeit nicht aus.
Unter der Fülle der seinerzeitigen Begebenheiten seien noch einige wenige Vorkommnisse erwähnt:
Die schwierigen Ernährungsverhältnisse gaben Anlaß zu einem Artikel, der am 28. Januar 1922 in der Zeitung "Der Sozialdemokrat" erschien. Unter der Überschrift "Ein moderner Saustall" hieß es:
"Im Besitze eines Schweines zu sein, muß in der jetzt so teueren Zeit als ideal bezeichnet werden. Als skandalös muß es aber bezeichnet werden, wenn man ihm mehr Pflege angedeihen läßt als seinen Mitmenschen, und wenn es auch nur ein Dienstbote ist. Das scheint bei dem Hausmeister Fuchs im Justizpalast der Fall zu sein."
Tatsächlich ergaben die Nachforschungen, daß in der Wohnung des Hausverwalters hinter dem Abort ein kleiner Stall war, in dem sich ein junges Schwein befand. Daneben war das Schlafzimmer der Magd. Der Bericht von damals lautet:
"In beiden Räumen herrschte ein unerträglicher Gestank. Die Magd nahm an dem Schweinestall keinen Anstoß. Sie nahm vielmehr für Fuchs Partei und erklärte, sie putze den Schweinestall recht fleißig aus und lüfte richtig, so daß ihre Gesundheit kaum Schaden leide. Fuchs wurde aufgefordert, das Schwein sofort zu entfernen, und ist dem Auftrag auch nachgekommen."
Am 25. August 1924 früh kurz nach 7 Uhr vernahm eine Putzfrau Hilferufe aus dem Inneren dem Gebäudes. Sie teilte ihre Wahrnehmung dem Nachtwächter mit. Putzfrau und Nachtwächter eilten in das Hauptgebäude, in das damals noch vorhandene Postamt, aus dessen Räumen sie die Hilferufe vernommen hatten. Dort lag auf dem Boden ein Postbeamter, dessen Hände mittels einer starken Schnur gefesselt waren. Vor ihm las ein Taschentuch. Der Postbeamte gab an, daß soeben ein Unbekannter, der eine Postdienstmütze auf dem Kopf gehabt und einen Sack mit sich geführt habe, ihm eine Pistole vorgehalten und die Herausgabe des im Amte verwahrten Geldes verlangt habe. Das Geld sei außerhalb des Geldschrankes auf einem Tische gelegen; das habe der Unbekannte an sich genommen. Er habe ihn dann gefesselt und geknebelt und sei verschwunden. An Geld seien 11.600 Mark vorhanden gewesen, das am vergangenen Sonnabend von der Gerichtsvollzieherei einbezahlt worden sei. Der Präsident des Oberlandesgerichte berichtet weiter, daß die Erhebungen, ob es sich um einen wirklichen oder einen fingierten Überfall handelt, im Gange seien. Eine spätere Gerichtsverhandlung führt zu keiner eindeutigen Klärung.
In den folgenden Jahren stand vielfach die Erörterung der Verkehrsverhältnisse im Vordergrund. Die Anwaltschaft forderte die Einrichtung einer Haltestelle vor dem Justizgebäude für die damals im Bau befindliche Schnellbahn. Die Verbandsleitung des Deutschen Rad- und Motorradfahrerverbandes Concordia berichtete 1929 von Klagen über zu schnelles und rücksichtsloses Fahren von "Automobilisten" in der Fürther Straße. Dies habe zu einigen Unfällen und dazu geführt, daß die Mehrzahl der älteren Radfahrer im Justizgebäude das Radfahren wegen der durch die geschilderten Verhältnisse bedingten Gefahren aufgegeben habe.
Aufregung verursachte, daß im Jahr 1936 in einem Strafkammersitzungssaal ein Teil der Decke einstürzte. Man überlegte, ob man nicht doch Baufirmen haftbar machen könne, kam aber zu dem Ergebnis, daß die Geltendmachung von irgendwelchen Schadensersatzansprüchen mehr als 22 Jahre nach der Errichtung der Decken kaum Aussicht auf Erfolg hätte. So blieb nur übrig, daß, um ähnliche Vorkommnisse zu vermeiden, insgesamt 56 Decken erneuert und 40 weitere Decken auf ihre Tragfähigkeit untersucht wurden.
Die Frage der Umweltverschmutzung spielte die gleiche Rolle wie heute. Im Jahr 1936 ist zu lesen, daß, wie alljährlich, auch in diesem Jahr mit dem Beginn der Heizperiode wieder Klagen über die außergewöhnlich große Rauch- und Rußbelästigung durch den Kamin des Justizgebäudes laut geworden seien. 1938 wurde daran erinnert, daß auf den Gängen des Justizgebäudes das Rauchen verboten sei. Die Organe der Hausverwaltung wurden angewiesen, "bei allen Verstößen gegen das Rauchverbot in höflicher, aber bestimmter Form einzuschreiten."

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5.

Nur kurze Zeit konnte sich die Justizverwaltung des Justizgebäudes im größeren Umfang erfreuen.
Bei Ausbruch des Krieges im Jahr 1939 wurde das Erdgeschoß des Westbaues wieder für Lazarettzwecke verwendet. In den Jahren 1941 bis 1943 wurden in verschiedenen Teilen des Gebäuden die Kartenstelle, der Kommandeur einer Luftwaffeneinheit, die Victoria-Werke und schließlich der Landrat untergebracht. In den späten Abendstunden des 27. November 1944 wurden infolge einen Luftangriffs über 300 Fensterscheiben zertrümmert und erhebliche Dachschäden, vor allem auf der Nordseite des Gebäudes angerichtet.
Am 1. März 1945 berichtete der Oberlandesgerichtspräsident:
"Am 20. und 21.2.1945 wurde die Stadt Nürnberg jeweils um die Mittagszeit von starken feindlichen Kampfverbänden schwer heimgesucht. Es gab in der Stadt umfangreiche Zerstörungen von öffentlichen Gebäuden und Wohnhäusern sowie erhebliche Verluste unter der Zivilbevölkerung.
Auch das Justizgebäude an der Fürther Straße wurde am 21.2.1945 stark in Mitleidenschaft gezogen. Es erhielt 5 schwere Bombenvolltreffer, die Teile des Gebäudes zum Einsturz brachten, außerdem noch Beschädigungen durch weitere Bomben, die in die Höfe niedergingen, sowie durch zahlreiche Brandbomben. Der große, von einem bronzenen Standbild der Justitia gekrönte Uhrenturm über dem Mittelbau den Gebäudes stürzte, von einer Bombe getroffen, herab in den Hof und riß dabei einen Teil der darunter befindlichen Stockwerke mit. Das Dach des Justizgebäudes ist zum Teil völlig zerstört, zum Teil wenigstens abgedeckt. Besonders haben die Räume im dritten Obergeschoß gelitten, in dem mein eigenes Arbeitszimmer, meine Präsidialabteilung und die Geschäftsräume des Generalstaatsanwalts untergebracht waren. Der Gang mit der künstlerisch wertvollen Kassettendecke und den aus deutschem und italienischen Marmor hergestellten Säulen ist zerstört. Ein großer Teil der Räume des Justizgebäudes, darunter fast alle Räume im dritten Obergeschoß, sind unbenutzbar. Die Folge davon ist eine große Raumverknappung,die noch dadurch vergrößert wird, daß ich nach dem Terrorangriff vom 2.1.1945 eine große Zahl von ausgebombten justizfremden Behörden und sonstigen Dienststellen in das Haus hereinnehmen mußte.
Am 21.2.1945 sind als Opfer des Terrorangriffe im Justizgebäude selbst 3 Gefolgschaftsmitglieder gefallen, 7 weitere sind verletzt worden. Außerhalb des Justizgeländes wurden nach den bisherigen Feststellungen 2 Gefolgschaftsmitglieder getötet. Zahlreiche Gefolgschaftsangehörige haben schwere Verluste an Hab und Gut erlitten. Die Schäden am Inventar, an Akten usw. sind sehr groß. Besonders wurde auch hier meine Präsidialabteilung betroffen. Mein eigenen Geschäftszimmer ist mit der gesamten Einrichtung völlig ausgebrannt. Mein Geschäftsbetrieb ist dadurch sehr erschwert. Die Gerichte und die Staatsanwaltschaft haben ihren Geschäftsbetrieb, der im Haus so lange als irgendwie möglich fortgesetzt werden soll, wieder aufgenommen. Auch Sitzungen haben bereits wieder stattgefunden, u.a. auch beim Sondergericht.
Die meiste Sorge bereiten mir z.Zt. die schweren Dachschäden. Ihre Behebung wird voraussichtlich große Schwierigkeiten bereiten. Doch hoffe ich auch hier mit Hilfe der zuständigen Baubehörden zu einer tragbaren Lösung zu gelangen..."
Zu diesem Zeitpunkt waren neben den Justizbehörden nicht weniger als 16 Dienststellen mindestens teilweise im Justizgebäude untergebracht, darunter der Wehrkreisbeauftragte des Reichsministers für Bewaffnung und Munition, der Kommandeur der Rüstungsinspektion XIII, der Kommandeur des Rüstungskommandos Nürnberg, der Kommandeur des Wehrbezirkskommandos Nürnberg, der Kommandeur des Wehrmeldeamts Nürnberg I ...

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6.

Unmittelbar nach Kriegsende nahmen die Amerikaner von dem Gebäude Besitz.
Dr. Heinrich schrieb am 10. August 1945:
"In großer Eile Ihnen die Mitteilung, daß ich heute, 9.00 Uhr, Befehl erhalten habe, das Gerichtsgebäude bis Sonntagabend völlig zu räumen. Bis zur Beendigung des warcrime-Prozesses (Anmerkung: Gemeint ist der sog. Hauptkriegsverbrecher-Prozess) wird keine Zivilperson das Gerichtsgebäude samt den beiden Nebengebäuden betreten können. Auch die Hausmeister müssen das Haus verlassen. An eine Öffnung der Gerichte ist vor dem 1.11.1945 nicht zu denken. Man glaubt, daß bis gegen Ende des November das Verfahren erledigt sein wird (Anmerkung: Tatsächlich begann der Hauptkriegsverbrecher-Prozeß am 20.11.1945; der letzte der 12 "Nachfolgeprozesse" endete im April 1949). Ich erwäge den allerdings mehr als kühnen Gedanken, etwa im Amtsgerichtsgebäude Fürth einen Notbetrieb zu eröffnen. Ob das möglich ist, muß erst noch geprüft werden. Andere Räume werden kaum verfügbar werden."
Unmittelbar vorher, nämlich am 7. August 1945, hatte Amtsgerichtsdirektor Hoeber folgende Feststellung getroffen:
"Aus einem Zimmer im Erdgeschoß des Westbaus gegen die Zellenstraße wurden heute vormittag Akten, Bücher usw. aus dem Fenster und auf die Luftschutzanschüttung geworfen. ... Es gab mancherlei Schwierigkeiten. ... Es wurde genehmigt, daß 10 Leute von uns die Sachen in den Keller des Westbaues schaffen durften. Unter den Sachen waren Grundakten des Grundbuchamts, einzelne Notariatsurkunden, Vormundschaftsakten usw."
Am 17. Januar 1946 wurde das Oberlandesgericht offiziell wieder eröffnet. Zwei Tage später erfolgte die Wiedereröffnung des Landgerichts Nürnberg-Fürth. Teile des Amtsgerichts befanden sich in Fürth und in der Mannertstraße, das Oberlandesgericht war in der Krelingstraße, das Landgericht zunächst in Erlangen untergebracht. Es würde den Rahmen dieser Stunde sprengen, wenn man im einzelnen alle Objekte aufführen wollte, in denen die Nürnberger Justizbehörden in der Zeit von 1946 bis zum heutigen Tag (gemeint: 2.5.1977) untergebracht gewesen sind. Die Tafel in der für diesen Tag vorbereiteten kleinen Ausstellung zeigt, daß in den Jahren von 1946 bis heute neben den Gerichtsgebäuden in der Fürther Straße, in der Flaschenhofstraße und dem Schnellgericht in der Bärenschanzstraße nicht weniger als 27 Objekte zur Unterbringung des Nürnberger Justizbetriebes teilweise nacheinander dienen mußten. Dazu kamen neben dem Amtsgerichtsgebäude in Fürth 4 weitere Stellen in Fürth sowie die Gerichtsgebäude in Erlangen, Altdorf und Lauf a.d. Pegnitz.
Es bedeutete einen großen Fortschritt, als am 7. Januar 1960 die Wiedergutmachungskammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth als erste Gerichtsbehörde wieder den Fuß in das Justizgebäude setzen durfte. Es dauerte aber noch bis zum Jahr 1969, bis das Justizgebäude offiziell wieder der Justizverwaltung zurückgegeben wurde.

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7.

Das Justizgebäude in Nürnberg ist der Weltöffentlichkeit durch den Hauptkriegsverbrecherprozeß bekannt geworden. Im Saal 600 fand der Prozeß gegen 21 Angeklagte statt, die beschuldigt wurden, Kriegsverbrechen begangen zu haben. Der Prozeß begann mit einer vorbereitenden Sitzung am 18. Oktober 1945 in Berlin. Der erste öffentliche Sitzungstag fand in Nürnberg am 20. November 1945 statt. Der Prozeß endete mit dem Urteil vom 1. Oktober 1946 (Anmerkung: Nähere Informationen zu den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen finden Sie in einem gesonderten Abschnitt unserer Website).
Hatte man ursprünglich gehofft, daß mit dem Ende der Kriegsverbrecherprozesse das Justizgebäude wieder zurückgegeben werden könnte, so erwies sich dies bald als fehlerhaft. Nicht weniger als 12 amerikanische Militärgerichtsverfahren (Ärzteprozeß, Milchprozeß, Juristenprozeß usw.) wurden im Justizgebäude im Anschluß an den Hauptkriegsverbrecherprozeß durchgeführt. Das letzte Verfahren endete mit dem Urteil im Wilhelmstraßen-Prozeß vom 11. bis 14. April 1949.
Der Vollständigkeit halber muß noch erwähnt werden, daß der Sitzungssaal 600 damals anders aussah als heute. Die an der Rückwand des Saales befindliche Wand war entfernt, das Treppenhaus, das zum Schwurgerichtssaal führt, überbaut, um die Fülle von Zuhörern, Dolmetschern, Fernseheinrichtungen usw. unterzubringen. Der Richtertisch war um 90° zur Fensterseite versetzt; nur die Bank für die Angeklagten befand sich an der gleichen Stelle wie heute. Als die Justizverwaltung das Gebäude wieder übernahm, ergab sich für sie die Notwendigkeit, den Saal ihren Bedürfnissen entsprechend wieder dem früheren Zustand anzugleichen.

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8.

Da zunächst keine Aussicht bestand, daß das Justizgebäude jemals wieder in die Hand der Justizverwaltung gelangen könnte, sah man sich nach anderen Lösungen um. Im Jahr 1954 konnten Landgericht und Amtsgericht in das Gebäude der ehemaligen Kunstakademie an der Flaschenhofstraße einziehen, das Gebäude, das nun im wesentlichen der Abteilung der freiwilligen Gerichtsbarkeit ... des Amtsgerichts Nürnberg zur Verfügung steht (Anmerkung: Heute sind dort folgende Abteilungen untergebracht: Vormundschafts- und Nachlaßgericht, Grundbuchamt, Registergericht, Mahn- und Vollstreckungsgericht). Es war von vornherein klar, daß damit keine endgültige Lösung gefunden werden konnte. Im Gespräch für einen Neubau waren daher das gegenüber dem Justizgebäude gelegene Gelände des früheren Generalkommandos, das Grundstück Wanner am Rathenauplatz, ein kleines Grundstück am Ende der Allersberger Straße, ein Grundstück zwischen Regensburger und Hainstraße, wo nunmehr die Bundesanstalt für Arbeit steht, und schließlich ein Grundstück zwischen Wöhrder Wiese und Ostendstraße, wo nun die Noricus-Wohnanlage errichtet ist. Alle Pläne haben sich schließlich zerschlagen.
Als man bereits glaubte, daß auf absehbare Zeit die Hoffnungen auf eine Rückgabe des Justizgebäudes nicht erfüllt werden könnten, wurde Ende des Jahres 1959 bekannt, daß im Rahmen des Edelmann-Planes das Justizgebäude an der Fürther Straße zurückgegeben werde. Die Angehörigen der Justizverwaltung, die gehofft hatten, in schöner Lage einen Neubau zu erhalten, waren hiervon zunächst nicht unbedingt angetan. In der am 12. Februar 1960 angefertigten Gerichtschronik lesen wir nach Schilderung der Neubaupläne: "Dann taucht unseligen Angedenkens der Plan des Justizgebäudes an der Fürther Straße wieder auf."
Erst nach und nach konnte der Plan in die Tat umgesetzt werden. Es war auch höchste Zeit. In den vom Oberlandesgericht unter anderem bezogenen Holzbaracken in der Bucher Straße 30 waren einige Wände eingefallen, erinnernd an den vorhin erwähnten Deckeneinsturz im Jahre 1936.
Tatsächlich konnte im Zuge der Verhandlungen das Landgericht Nürnberg-Fürth mit der Wiedergutmachungskammer am 7. Januar 1960 im Ostteil des Hauptbaus zunächst 7 Räume beziehen. Am 13. Juni 1960 konnte das Schwurgericht erstmals wieder seit dem Krieg eine Sitzung in diesem Saal abhalten. Stufenweise erfolgte der Einzug in das Justizgebäude, von dem zunächst der ostwärtige Teil und der Ostbau von den amerikanischen Dienststellen freigegeben worden waren. Im September 1962 zog das Oberlandesgericht mit der Gerichtsabteilung und der Verwaltungsabteilung ein.
Die Hoffnung, daß bald das ganze Gebäude den Justizbehörden zur Verfügung stehen könne, war trügerisch, denn im Justizgebäude befanden sich neben dem Hauptquartier von EES insgesamt 28 amerikanische Einheiten mit etwa 1500 Personen (900 deutsche und 500-600 amerikanische Angestellte). Dem stand die Tatsache gegenüber, daß die Justizbehörden in Nürnberg auf 17 verschiedene Stellen verteilt waren. Der Aktenkraftwagen, der zum Besuch dieser Stellen eingesetzt war, mußte täglich rund 80 km zurücklegen. Das Zusammensein zwischen Amerikanern und Deutschen unter einem Dach vollzog sich reibungsloser, als man befürchten mußte. Dazu mag auch beigetragen haben, daß zwischen dem amerikanischen und dem freigegebenen Teil des Justizgebäudes Gitter errichtet wurden, die es verwehrten, in den anderen Teil des Gebäudes vorzudringen.
Zur Instandsetzung des zunächst freigegebenen Teiles des Justizgebäudes wurden rund 7,5 Millionen DM ausgegeben. Dieser Betrag war vorwiegend verursacht durch die Schäden, die im Laufe des Krieges entstanden waren. Die Nordostecke des Gebäudes war weitgehend zerstört. Der Südteil des Hauptbaus-Ost mußte einschließlich der Kantine von Grund auf neu errichtet werden. Es würde zu weit fuhren, die Beseitigung der Schäden im einzelnen aufzuführen. Aber es verdient doch festgehalten zu werden, daß schon damals sichtbar war, daß die weitere Freigabe des Justizgebäudes zusätzliche Aufwendungen erfordern werde.
Am 12. November 1963 wurde bekannt, daß das EES-Hauptquartier verlegt werde. Damit begann der letzte Abschnitt des Wiederbezugs des Justizgebäudes.
Am 22. Dezember 1969 wurde das Justizgebäude im Königssaal von den amerikanischen Dienststellen offiziell an die deutsche Justizverwaltung zurückgegeben. Langwierige Verhandlungen über die Nutzungsentschädigung und die Feststellung von Belegungsschäden begleiteten alle diese Jahre, erinnernd an die Verhandlungen nach der Auflösung des Lazaretts im Jahr 1922. Für Gebäude-, Nutzungs- und Mietausfallentschädigungen wurden bisher vom Amt für Verteidigungslasten rd. 1,23 Millionen DM gezahlt.
Vom Jahr 1970 ab konnten endlich die Justizbehörden Nürnbergs nach und nach, dem Baufortschritt entsprechend, wieder in das Justizgebäude einziehen. Zuletzt folgten im Februar 1977 die Strafkammern des Landgerichts.
Nach den bisherigen Ergebnissen ist damit zu rechnen, daß für die Generalinstandsetzung des Justizgebäudes seit 1970 weitere 12,43 Millionen DM aufgewendet wurden. Dazu kommen für die Neu- und Erstausstattung der Justizbehörden 890.000 DM. Man mag über die Höhe dieser Beträge erstaunt sein (Anmerkung: Das waren halt noch Zeiten! Heutzutage würden solche Baukosten allenfalls wegen ihrer besonderen Preisgünstigkeit Erstaunen erregen.). Sie ist aber angesichts der zahlreichen Kriegsschäden, die das Gebäude erlitten hatte, nicht zu hoch. Dies gilt vor allem, wenn man bedenkt, daß nun der Justizverwaltung wieder ein Gebäude zur Verfügung steht, in dem einschließlich der Referendare und Anwärter über 1100 Menschen beschäftigt sind und das eine reine Nutzungsfläche von über 22.000 qm, verteilt auf insgesamt 593 Räume, aufweist. Darunter befinden sich 514 Büroräume mit insgesamt 16.435,49 qm. Der Rest von insgesamt rund 80 Räumen entfällt auf Sitzungssäle, Beratungszimmer und Unterrichtsräume (Anmerkung: Jeweils Stand 1977)

9.

Die Geschichte des Justizgebäudes ist an Wechselfällen ebenso reich wie die Geschichte des deutschen Volkes. Der gegenwärtige Augenblick ist für die Justizbehörden ein wahrhaft historischer Zeitpunkt. Sie können nun wieder ganz über ein Haus verfügen, das vor rund 60 Jahren für die Zwecke gebaut, ihnen aber gleichzeitig wieder weitgehend entrissen worden war.
Besondere Verdienste hat sich um den Wiederaufbau des Justizgebäudes das Landbauamt Nürnberg ... erworben. Ihnen und allen, die an dem Wiederaufbau des Gebäudes beteiligt gewesen sind, gebührt unser aufrichtiger Dank.
Die beiden Sätze im Königssaal

"Iustitia fundamentum regnorum"

"Salus publica suprema lex esto"

(Sinngemäße Übersetzung:
"Das Wohl der Allgemeinheit soll oberstes Gesetz sein")
wurden schon bei der Einweihung des Gebäudes im Jahre 1916 als die obersten Grundsätze der Justiz dargestellt. Sie sollten auch in kommenden Jahrzehnten die oberste Richtschnur bleiben.

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